Frühkindliche Bildung – das neue Zauberwort für die Fremdbetreuung und ein offensichtlich probates Mittel, die Kindertagesstätten im politisch Strom zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie in den Fokus zu stellen und zu bewerben. Getreu der Auffassung, dass nur im Kindergarten bzw. der Krippe die Kinder ein umfassendes Bildungs- und Lernangebot erhalten, welches die eigene familiäre Betreuung und Erziehung zu Hause ersetzbar macht. Oder besser, dieser gar überlegen ist. Ich muss ein wenig ausholen:

Wer braucht die Kita wirklich?

Sicher haben die Krippen und die Kindergärten ihre Daseinsberechtigung. Alleinerziehende Elternteile (meist mit nicht ausreichendem Unterhalt) sowie Elternteile, deren einziger Verdienst nicht ausreicht, um für den Lebensunterhalt aufzukommen. Diese sind zwangsläufig gezwungen, gemeinsam den Verdienst der Familie zu sichern. Auch gibt es Fälle, in denen das Jugendamt es für erforderlich ansieht, dass die Kinder eine Kindertagesstätte besuchen müssen. Aber um welchen prozentualen Anteil dieser Gruppen reden wir? Wie groß ist die Gruppe der Familien, bei denen nicht zwingend beide Elternteile arbeiten gehen müssten?

Warum trotzdem in die Kita?

Oft ist es doch der einmal liebgewonnene Lebensstandard, den man auch nach der Geburt eines Kindes nicht aufgeben möchte. War das Leben vorher durch mehr Freiheit und finanziellen Spielraum geprägt, so wird das monatliche Budget mit dem Kind plötzlich (erheblich) kleiner. Und wenn dann noch die Mieterhöhung kommt oder gar die Finanzierung des Eigenheimes plötzlich auf der Kippe steht, wird der Ruf nach dem zweiten Einkommen schnell laut und eindringlich. Zurecht? Nicht immer! Vielmals würden sich die Mehrkosten durch eine gute und vernünftige Planung sowie der Zurückstellung von liebgewonnenen Angewohnheiten auffangen lassen können. Muss ich als frischgebackene Eltern immer noch jedes Wochenende um die Häuser ziehen? Reicht auch vielleicht ein Urlaub im Jahr? Kann ich mir das geplante Eigenheim tatsächlich leisten oder muss ich mich schon bei den ersten Raten krumm machen? Wir Erwachsenen haben unsere Bedürfnisse, die wir für uns, aber oft auch für die anderen (vor Nachbarn, Verwandtschaft, Arbeitskolleg*innen, „wie stehen wir denn sonst da?“) gestillt wissen möchten. Diese Bedürfnisse sind meines Erachtens zweitrangig. Das einzige Bedürfnis, welches im Vordergrund stehen sollte und damit erstrangig ist, ist/sind das/die Bedürfnis(se) des/der Kind(er)!

Fehlleitungen durch die Politik?

Aber es ist doch auch kein Wunder. Wird uns doch seit Jahrzehnten die Vereinbarkeit von Familie und Beruf vorgegaukelt. Ja, es gib Berufe oder Arbeitssituationen (z. B. Teilzeit, flexible und günstige Arbeitszeiten), die das durchaus ermöglichen können. Dem Grunde nach ist es aber ein riesiges und oft nicht aufgehendes Konstrukt, welches zur Selbsterhaltung einer politisch geförderten These dient: „Man kann Kinder in die Welt setzen und sie auch möglichst schnell in den Kindertagesstätten abgeben, um ganz im Sinne der vermeintlichen Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nahtlos an die Zeit von vor der Geburt anschließen zu können.“

Karriere? Was ist Karriere? Einen guten Posten zu haben, viel Geld zu verdienen? Erfolgreich sein? Außerfamiliäre Bestätigung? Egal, ob Mann oder Frau, einer sollte, wenn möglich, sich auf eine andere Karriere konzentrieren: Die, der bedürfnisorientierten Erziehung und Förderung der eigenen Kinder. Und das liebe Eltern, kann eine Kindertagesstätte keineswegs im vollen Umfang bieten und leisten, auch wenn es gerne suggeriert wird!

Polemische Rechnungen

QUALITÄT DER KITAS:

Die Erzieherinnen klagen seit langem über die schlechten Arbeitsbedingungen und die zu großen Gruppen. Das ist in den Medien mehr als präsent. Natürlich nicht zu Wahlkampfzeiten. Rechnen Sie dann bitte noch die Urlaubstage und Krankheitstage der beiden Erzieherinnen in der Gruppe gegen und Sie wissen, wie häufig der eigentliche Idealfall in der Kita dann noch auftritt. Wenig Personal, überlaufende Einrichtungen, Ausstattung ist Sache der Kommune, die Bandbreite ist dementsprechend riesig.

IST DIE ARBEIT ES WERT?

Ein großer Teil der Elternteile geht zusätzlich zum anderen Elternteil im Rahmen der Geringfügigkeit oder einer Teilzeitstelle arbeiten. Betrachtet man in der Geringfügigkeit die fehlende Berücksichtigung bei der Rente und beim Teilzeitjob noch die Steuern und Sozialabgaben sowie bei beiden Gruppen die Kosten für den Arbeitsweg (Werbungskosten) bleibt nicht mehr viel übrig. Summiert man noch die Kosten für die Kita hinzu, so sollte die Frage berechtigt sein, ob dieses Konstrukt es wert ist, sein Kind in fremde Hände zu geben, nur um den (geringen) Betrag X im Monat mehr zu haben. Oder anders ausgedrückt: Man geht selber zusätzlich arbeiten, um Geld zu verdienen. Ein Teil dieses Geldes bringt man dann in die Kita, um sein Kind dort abzugeben. Nebenbei sichert man die Arbeitsplätze in der Kita. Durch die eigenen Steuerabgaben und die, der Beschäftigten in der Kita, verdient wiederum der Staat. Auch auf dem Weg zur Kita gibt es schon den ein oder anderen Euro (Auto, Benzin, …) als Staatseinnahme.

STAATLICHE SUBVENTIONEN:

Denn, der Staat muss auch einnehmen, schließlich subventioniert er je nach Bundesland und Kommune / Landkreis jeden Kindergartenplatz mit € 1.000,- bis- € 1.400,- im Monat. Ist doch eine prima Maschinerie.

Eine freie Entscheidung

Jede Familie sollte die wirklich freie Entscheidung haben, wie sie ihr Kind aufwachsen lassen möchte:

Ja, wer sein Kind ganz bewusst in den Kindergarten/Krippe stecken möchte, soll es machen. Karriere, Bestätigung außerhalb der Familie, Sorge um den Arbeitsplatz, sozialpolitische Überzeugung, Gründe gibt es genug.

Aber es darf in der heutigen Zeit nicht sein, dass Familien gezwungen sind, gegen ihre Überzeugungen ihr Kind in die Krippe/den Kindergarten zu geben, damit beide Elternteile arbeiten gehen können. Es darf nicht sein, dass Eltern sich zwischen finanzieller Sicherheit und Fremdbetreuung entscheiden müssten? Es wäre nur fair, mindestens die Hälfte dieser oben genannten Subventionen, zusätzlich zum Kindergeld, genau an die Familien auszuzahlen, die sich ganz bewusst dafür entscheiden, ihre Kinder vollständig selbst zu erziehen und die „Lebensschule“ oder die propagierte „frühkindliche Bildung“ im familiären Rahmen leisten.

Frühkindliche Bildung

Man hört es vermehrt, dass das Formular zum Eintritt in den Kindergarten nicht mehr Anmeldung zum „Kindergarten“ heißt, sondern „Anmeldung zur frühkindlichen Bildung“. Damit wird leider etwas „Neues und Bildendes“ impliziert, was nicht wirklich der Realität entspricht. Natürlich gibt es viele Strukturwandel im Kindergarten, auch ändern sich pädagogische Konzepte, Vorgaben des Kultusministeriums und die Anforderungen der Träger an die Kindergärten. Unterm Strich ist und bleibt der Kindergarten aber ein Kindergarten. Die inflationäre Ausgestaltung und die Verwendung des Bildungsbegriffes verführt Eltern und suggeriert, dass ein Kindergarten tatsächlich schon eine Bildungseinrichtung ist, wie wir sie im Bereich der Schulbildung verstehen. Das Problem mag sein, das sich der umgangssprachliche Bildungsbegriff deutlich vom eigentlichen Bildungsbegriff (siehe Wikipedia / Bildung) unterscheidet. Die Bildung im Kindergarten hat im Großen und Ganzen nichts mit der Schulbildung zu tun. Sicher gibt es Schnittmengen, doch halten die sich in Grenzen. Im Orientierungsplan für Bildung und Erziehung im Elementarbereich niedersächsischer Tageseinrichtungen für Kinder  (Downloadlink) sind die Bildungsziele wie folgt aufgeführt:

Emotionale Entwicklung und soziales LernenEntwicklung kognitiver Fähigkeiten und der Freude am LernenKörper – Bewegung – GesundheitSprache und SprechenLebenspraktische KompetenzenMathematisches GrundverständnisÄsthetische BildungNatur und LebensweltEthische und religiöse Fragen, Grunderfahrungen menschlicher Existenz

In einem „üblichen“, gesunden und intakten Elternhaus, sollte es keine Hilfe von außen benötigen, diese Ziele als Familie gemeinsam zu erreichen. Und das auch im normalen Alltag.

In den letzten Jahren sind mit der Einführung des Begriffes „frühkindliche Bildung“ und der omnipräsenten These, dass „die Vereinbarkeit von Kind und Beruf“ problemlos möglich sei, Begehrlichkeiten geweckt worden. Dabei hat der Kindergarten per Gesetz überhaupt keinen Bildungsauftrag!

„Den Kindertagesstätten wird damit ein vorschulischer Bildungsauftrag zugeschrieben, der im Kinder- und Jugendhilfegesetz allerdings so nicht zu finden ist. So nennt der Gesetzgeber im Paragraph 22 als Aufgabe der Kindertagesstätten neben Erziehung und Betreuung zwar auch Bildung, allerdings ohne diesen Begriff näher zu bestimmen bzw. diesen in ein Verhältnis zu Schule zu setzen. Von einem vorschulischen Bildungsauftrag des Kindergartens kann also nach wie vor nicht die Rede sein.“

Dr. Diana Franke-MeyerProfessorin für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt ElementarpädagogikDossier der Bundeszentrale für politische Bildung (www.bpb.de) zur frühkindlichen Bildung vom 20.12.2016, abgerufen am 17.09.2017

Appell an die Eltern

Liebe Eltern, es sollen als Entlastung die Kitagebühren abgeschafft werden, den Rechtsanspruch auf einen Platz gibt es schon, die Öffnungszeiten können bis in den Abend erweitert werden (oder besser noch Übernachtungs-Kita), die Grundschulen sollen Ganztagsgrundschulen werden und so weiter. Es wird von Politik alles getan, um bei gewünschter (aber leider auch erzwungener) Berufstätigkeit beider Elternteile die Kinder, wie heißt es so schön, „weg-organisieren“ zu können.

Liebe Eltern, wenn euch eure Karriere im Moment wichtiger ist, wenn ihr eurer Kind auch schon in die Krippe geben wollt, wenn ihr nur dem Idealbild der Familie entsprechen wollt, dann seid mutig und sagt „NEIN!“ zu Kindern. Seid ehrlich und verzichtet zum Wohle der Kinder. Es ist ok. Niemand soll sich gezwungen fühlen, Kinder in die Welt zu setzen. Auch sollen Kinder kein Armutsrisiko darstellen oder es werden (Stichwort: „Zur Berufstätigkeit gezwungen“).Wenn ihr euch aber doch für Kinder entscheidet, dann versetzt euch bitte in deren Lage. Sie können sich nicht wehren und ihre Bedürfnisse noch nicht kommunizieren. Sie werden nicht verstehen, warum sie immer wieder aus ihrer kleinen „Herde“ ausgeschlossen werden. Die Eltern (Mama)-Kind-Beziehung ist so wichtig für die emotionale Stabilität, das Selbstbewusstsein und sie ist maßgeblich für das Erlernen der später notwendigen Kompetenzen. Kinder benötigen Sicherheit und Urvertrauen, welches nur die Eltern (sprich: zunächst nur die Mama) geben und aktiv prägen können. Dieses hört jedoch nicht mit einem Jahr auf, sondern fängt dann erst richtig an. Zu einer Zeit, wo viele Kinder zum ersten Mal die Kita besuchen (müssen). Sicherheit, Urvertrauen, Familienbande „erlerne“ ich nicht bei wechselnden Bezugspersonen und während eines 8-Stunden-Kita-Tages.

Damit ich nicht falsch verstanden werde:

Erzieherinnen und Erzieher leisten einen großartigen Dienst und müssen sich täglich mit vielen Unwägbarkeiten im Kita-Alltag herumschlagen. Auch bin ich nicht für die Abschaffung der Kitas. Mir geht es um die Irreführungen und die falschen Vorstellungen, die erzeugt werden, um politisch korrekt zu sein und, um eine pädagogische Strömung zu unterstützen, deren gesellschaftliche Folgen wir erst in der Zukunft richtig spüren werden. In Ansätzen aber auch schon jetzt, aber das ist ein anderer Beitrag (den ich noch schreiben muss).

Autor & Herausgeber

Björn Bauch

Über den Autor

Björn Bauch ist langjähriger Leiter einer Grundschule. Sein Ziel ist die Minimierung von Missverständnissen und Unwissenheiten rund um die Themen der Grundschule.

In seiner freien Zeit beschreibt er seine Gedanken und Meinungen zur aktuellen Schulpolitik hier in seinem Grundschulblog. Weiterführende Informationen rund um das Thema Grundschule erhalten Sie auch hier auf den Informationseiten von https://www.grundschul.tips 

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