Die Sommerferien stehen vor der Tür und das bedeutet, dass die Schulen die Zeugniskonferenzen abgehalten haben und nun die erreichten Kompetenzen, die sogenannten „Kopfnoten“ (Arbeits- und Sozialverhalten), die Schulnoten und natürlich auch die Versetzungsentscheidungen besprochen, abgestimmt und beschlossen wurden.

Und auch jetzt bekommen die Erstklässler aus diesem Schuljahr das erste Mal ihr Zeugnis!

Ganzjahreszeugnisse

Zum Ende des Schuljahres gibt es natürlich auch nur die Ganzjahreszeugnisse. Diese bilden nun den Leistungs- und Entwicklungsstand des ganzen Schuljahres ab. Dabei ist wichtig, Folgendes zu beachten:

Das Ganzjahreszeugnis ist kein Halbjahreszeugnis der zweite Hälfte des Schuljahres!
Auch kann und wird die zweite Schuljahreshälfte nicht genau zur Hälfte in die Gesamtwertung eingerechnet, bzw. im Verhältnis 50:50. Dies hängt immer von der Gesamtentwicklung ab. Ich möchte das an einem Beispiel verdeutlichen:

Ein Läufer hat 2 Stunden Zeit zu laufen. Nach genau einer Stunde wird die Zwischenzeit gemessen. Hat er sich in der ersten Stunde ausgeruht und kaum Strecke zurückgelegt, kann er in der zweiten Stunde richtig Gas geben und viele Kilometer laufen. Dennoch wird er am Ende nur eine mittlere Zeit erreicht haben. Ist seine Lauftaktik genau anders herum, bleibt es ebenfalls bei einer mittleren Zeit. Was ist aber, wenn er schon vor der Zwischenzeit seine Taktik ändert und entsprechend schneller oder langsamer wird, dies jedoch bei der Zwischenzeit nicht gemessen werden kann?
Hier greift die Tatsache, dass nicht alle Klausuren, Arbeiten, fachspezifischen Leistungen u. Ä. gleichmäßig im Jahr geschrieben und angefertigt werden und somit die Gewichtung der Halbjahre unterschiedlich ausfällt. Die Zeit ist die gleiche, die Anzahl der Bewertungsmöglichkeiten jedoch nicht. Dies liegt im Zeitpunkt der Zeugniskonferenzen und auch im individuellen Fortschritt der Klasse sowie etwaigen Ausfällen durch Krankheiten, Klassenfahrten, Projektwochen oder epochalen Unterrichtseinheiten usw. begründet. Ganz einfach ausgedrückt ist das Halbjahreszeugnis ein Zwischenstand des bis dahin Messbaren, während im Ganzjahreszeugnis stumpf das ganze Jahr betrachtet wird, inkl. der individuellen Entwicklung des Kindes.

Zeugnisse der Klasse 1

Ja, jetzt gibt es endlich das erste Zeugnis. Hier werden die Leistungsstände und erreichten Kompetenzen sowie das Arbeits- und Sozialverhalten bewertet. Oft ist es für Eltern schwer, zum ersten Mal ein solches Zeugnis zu „erlesen“. Es finden Kompetenzbeschreibungen statt, aber es stellt sich immer wieder die Frage, „ist das jetzt gut oder eher nicht so?“!

Am Ende der ersten Klasse rücken grundsätzlich alle Kinder in den nächsten Schuljahrgang auf. Ein Sitzenbleiben ist nicht möglich. Nur, wenn die Eltern einen Antrag auf freiwilliges Wiederholen stellen, kann die Klassenkonferenz (wenn sinnvoll) dem Antrag entsprechen und das Kind kann/darf die Klasse wiederholen.

Zeugnisformulierungen Klasse 1+2

Die Formulierungen in den Zeugnissen der Klasse 1 und 2 beschreiben die erreichten Kompetenzen. Dabei ist es wichtig auf Signalwörter zu achten, die das Erreichte verstärken oder auch abschwächen.

Beispiel einer Ausgangsformulierung:
Max kann einfach unbekannte Texte erlesen und Fragen zum Text beantworten.

Verstärkung (Beispiele):
Max kann unbekannte Texte erlesen und auch schwierige Fragen zum Text beantworten.
Max kann einfache unbekannte Texte erlesen und Fragen zum Text beantworten.
Max kann unbekannte Texte stets ohne Hilfe erlesen und Fragen zum Text sicher beantworten.

Abschwächung (Beispiele):
Max kann (einfache) unbekannte Texte erlesen und (einfache) Fragen zum Text beantworten.
Max kann unbekannte Texte mit wenig Hilfe erlesen und Fragen zum Text beantworten.
Max kann unbekannte Texte viel Hilfe erlesen und Fragen zum Text mit einigen Fehlern beantworten.

Das Prinzip ist bei allen Kompetenzbeschreibungen gleich. Es gibt eine Ausgangskompetenz, die oft mit verstärkenden oder mindernden Adjektiven präzisiert wird.

Weiterhin ist es auch wichtig, die erwarteten Kompetenzen der Jahrgangsstufen zu kennen. In Mathe z. B. steigt die Arbeit im Zahlenraum von 20 (Klasse 1), über 100 (Klasse 2) und 1000 (Klasse 3) bis zur Million (Klasse 4).

Wenn ein Kind am Ende der Klasse 2 sicher (nur) den Zahlenraum bis 20 beherrscht, mag das zunächst gut klingen. Man sollte jedoch wissen, dass das Kind eigentlich schon den Zahlenraum bis 100 sicher beherrschen sollte.

Kann ein Kind jedoch am Ende der zweiten Klasse Rechenoperationen im Zahlenraum bis 1000 beginnend / in Ansätzen sicher durchführen, so ist das entsprechend besser.

Zeugnisse der Klasse 2

Die zweite Klasse ist ein Jahrgang mit Versetzung. Das bedeutet, dass zum Ende des Schuljahres eine Versetzung oder eben auch eine Nichtversetzung ausgesprochen wird, wenn in den Fächern Deutsch und Mathematik nicht ausreichende Kompetenzen erworben worden sind. Lediglich Kinder, die schon das letzte Jahr wiederholt haben, rücken ohne weitere Versetzungsentscheidung in den dritten Jahrgang  auf. Dies gilt auch für Kinder mit einem festgestellten Bedarf an sonderpädagogischer Unterstützung im Bereich geistige Entwicklung. Diese rücken stest bis zum Ende der 8. Klasse auf.

Zeugnisse der Klasse 3+4

In der dritten und vierten Klasse gibt es nun Noten. Bei Schulen (in Niedersachsen), die Berichtszeugnisse weiterführen, ändert sich gegenüber dem letzten Zeugnis nicht viel. Werden weiter Noten gegeben, ändern sich das Zeugnis in deutlicher Form. Statt der Rubriken für die Kompetenzbeschreibungen enthält das Zeugnis nun den Notenblock. Es wird aber nicht überall eine Note stehen. Für das Fach Englisch erhalten die Kinder den Vermerk erteilt, da es noch keine Noten für Englisch in der dritten Klasse gibt. Textiles Gestalten und gestaltendes Werken wird oft epochal unterrichtet. Daraus folgt, dass bei einem von beiden Fächern im Halbjahr „nicht erteilt“ steht. Auch gibt es den Vermerk „befreit“. Dieser kann für den Sportunterricht sowie für den Religionsunterricht gelten. Auch die dritte Klasse ist ein Jahrgang mit Versetzung (siehe oben). Für die vierte Klasse gilt ebenfalls die Regelung, dass bei nicht ausreichenden Leistungen und keiner Möglichkeit des Notenausgleichs anderer Fächer eine Nichtversetzung möglich ist.

Weiterführende und genauere Informationen zum Thema Zeugnis habe ich Ihnen auf den Infoseiten unter dem Thema Zeugnis zusammengestellt.

Autor

Björn Bauch

Über den Autor

Björn Bauch ist langjähriger Leiter einer Grundschule. Sein Ziel ist die Minimierung von Missverständnissen und Unwissenheiten rund um die Themen der Grundschule.

In seiner freien Zeit beschreibt er seine Gedanken und Meinungen zur aktuellen Schulpolitik hier in seinem Grundschulblog. Weiterführende Informationen rund um das Thema Grundschule erhalten Sie auch hier auf den Informationseiten von https://www.grundschul.tips 

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